Tagung 2015: Identität und Fremdheit

Konstruktion des Fremden in den Medien

Medien müssen aus einem überreichen Faktenfundus auswählen und dabei entstehen Verzerrungen. Gerade die Darstellung des weniger Bekannten driftet nicht selten in eine Wiederholung gängiger Stereotype ab. Dabei werden kleine Ausschnitte übermäßig vergrößert und dominieren schließlich das ganze Bild. So kann man beispielsweise Bevölkerungsgruppen in Deutschland als Ausgegrenzte formulieren und bildlich stigmatisieren. Wie dies geschieht und was das für Folgen für die gesellschaftliche Kohäsion hat, aber auch die Frage, wie Medien konstruktiv auf gesellschaftliche Prozesse Einfluss nehmen können, wird im Rahmen des Beitrags erörtert.

Dr. phil. Sabine Schiffer gründete und leitet das Institut für Medien­ verantwortung (IMV). Sie hat zum Islambild in deutschen Medien promoviert und führte dabei die Disziplinen Sprach-, Medien und Islamwissenschaften sowie Psychologie zusammen. Sie arbeitet seit 1993 als Medienpädagogin, Referentin und Publizistin. Schwerpunktthemen sind Medienbildung, Diskriminierung durch Mediendarstellungen, kommerzielle und politische Public Relations. 2009 erschien in Zusammenarbeit mit Constantin Wagner ihr Buch „Antisemitismus und lslamophobie – ein Vergleich“ im HWK-Verlag.

Umgang mit Fremdheit in Gesellschaft und Alltag

Das gestellte Thema ist so allgemein und umfassend, dass es für diesen Vortrag geboten scheint, zunächst einmal die Vorstellung und Erfahrung der Fremdheit ein wenig zu präzisieren. Dabei gilt es, an die bereits in den Sozialwis­senschaften der Jahrhundertwende von 1900 ausgearbeitete komplexe und weiterführende Bestimmung des„Fremden“ als einer Beziehungsfigur (,,Relationsbegriff“) anzuknüpfen. Dadurch erweisen sich der/die/das Fremde in historischer, sozialer, individu­ell alltagsbezogener und nicht zuletzt in gesellschaftlich-systembezogener Hinsicht als vertraute, ja unverzichtbare und immer wieder aufs Neue zu bestimmende und zu bearbeitende Erfahrungen und Impulsgeber, von deren Auftreten Erschütterun­gen und Erkenntnisse, Innovation und Irritation gleichermaßen ausgehen. Im doppelten Sinne der von Bernhard Waldenfels gewählten Metapher erscheint Befremdung durch ein Fremdes damit als „Stachel“ und Stimulus zugleich. Die damit angespro­chene Mehrdeutigkeit und Poly-Funktionalität des Fremden verweist damit auf jene Ansatzpunkte, ggf. auch Handlungs- und Erfahrungsfelder, die für Menschen und Gesellschaften „ohne Baldachin“. also im Rahmen einer Moderne, die sich selbst ohne Rückbezüge auf Vorgaben „von oben“ bestimmen und organisieren muss, zur Bearbeitung und damit auch zur reflexiven (Selbst)-Erkundung anstehen. Konzepte wie Identität, Kultur, Institution und nicht zuletzt Integration werden in dieser Hinsicht zu diskutieren sein, ob und in welcher Weise sie eine Beschäftigung mit Fremdheit ermöglichen, ohne diese durch Aneignung, Vertreibung oder Fixierung in ihrer Produktivität zu gefährden oder gar zu zerstören.

Prof. Dr. Werner Nell, Komparatist und Sozialwissenschaftler, geb. 1951 in St. Goar am Rhein. Nach dem Studium der Mathematik, Germanistik. Geschichte, Philo­sophie und Sozialkunde in Mainz und Frankfurt a. M. absolvierte er ein Zweitstudium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwis­senschaft und der Soziologie in Mainz, Frankfurt a. M. und Dijon . Seit 1992 ist er Vorstand des Instituts für Sozialpädagogische For­schung Mainz (ism). Seit 2002 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine und Verglei­chende Literaturwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er nahm Gastprofessuren an Universitäten in Ungarn (Soziologie) und Kanada (Komparatistik) wahr und ist seit 2008 Adjunct Associate Professor an der Queen’s University in Kingston ON (Kanada). Mitgliedschaften: Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS), Deutsche Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literatur­ wissenschaft (DGAVL), Canadian Association of UniversityTeachers of German (CAUTG/ APAUC).
 

Der Andere in unseren Köpfen. Zur Sozialpsychologie der Vorurteile und Diskriminierung

Mädchen rechnen schlechter als Jungen, Ausländerkinder sind sozial problematisch und Blondinen sind blöd. Das sind reine Vorurteile, doch verfehlen sie ihre Wirkung nicht, wie die Sozialpsychologie herausgefunden hat. Vorurteile halten sich hartnäckig und leiten unser Verhalten meistens mehr, als uns bewusst ist. So bewerten selbst Menschen, die sich für tolerant halten, Minder­heiten schlechter als Menschen aus der Mehrheitsgruppe. Offensichtlich führen gesellschaftlich tradierte Stereotypen in unserem Gedächtnis ein Eigenleben und beeinflussen uns im Unbewussten, selbst dann, wenn wir aktiv gegen sie ankämpfen. Weiterhin zeigt die jüngere Forschung, wie Vorurteile unsere eigene Leistung beeinflussen. So können Vorurteile zu sich selbst erfüllenden Prophe­zeiungen werden. Studien zeigen etwa, dass Menschen mit negativen Erfolgserwartungen schlechter in kognitiven Leistungstests abschneiden als andere. Dementsprechend schneiden Frauen bei einem Mathematik-Test schlechter ab, wenn sie an das Vorurteil erinnert werden, dass Frauen Probleme bei mathematischen Aufgaben haben, und Männer zeigen im Sprachlichen Probleme, wenn sie daran denken, dass sie in diesem Bereich Defizite haben.

In diesem Vortrag soll diskutiert werden, wie Vorurteile zustande kommen, was sie anrichten, welche Funktion sie haben und wie wir sie wieder loswerden können.

Prof. Dr. Jens Förster, Sozialpsychologe, geb. 1965. Der gebürtige Deutsche ging nach der Promotion in Trier zu ­ nächst nach Würzburg und von dort als Postdoktorand an die Columbia University in New York/USA, bevor er für eine Professur zurück nach Würzburg kam. 2001-2007 war Jens Förster Full Professor an der Jacobs University in Bremen, anschließend ging er in die Niederlande, wo er seit 2007 Full Professor für Psychologie an der Universität von Amster­dam war. Aktuell ist er Professor an der Ruhr- Universität Bochum. Er ist Mitglied in zahlreichen Verbänden, darunter der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), der European Association of Social Psychology und der American Psychological Association. Er erhielt verschiedene
Auszeichnungen, wie den Best Paper Award des International Social Co­gnition Network und den Charlotte-und-Karl-Bühler-Preis der DGPs. Jens Förster zählt zu den international produktivsten und renommier­testen Experimentalpsychologen im Bereich Soziale Kognition und Motivation. Seine Arbeiten und Konzepte etwa zur Regulation von An­näherung und Vermeidung, zu Distanz, Emotion und Kognition oder zu den Bedingungen von Kreativität und Ausdauer liefern Beiträge zu aktuellen wirtschaftlichen, sozialen und medizinischen Themen.

Wie und was kann man aus Fremdheitserfahrung lernen?

Der Begriff „Fremdheit“ gilt in heutigen politischen Zeiten fast schon als Unwort, weil man es leicht mit der Ideologie der clash of cultures in Verbindung bringen kann, die von getrennten, sich feindlich gegenüber stehenden Entitäten ausgeht. In diesem Vortrag geht es daher zunächst um eine allgemeine Verortung von Fremdheit im Erkennen und Erfahren der Welt sowie im Handlungsprozess. Es wird die These vertreten, dass Fremdheitserfahrung sehr wohl etwas Verstörendes hat, das von starken Gefühlen begleitet wird. Gerade in der Reflexion der Gefühle liegt das Potenzial, ein neues und erweitertes Verständnis für das Unbekannte und Fremde zu gewinnen. Diese von Ethnologen in den letzten Jahren entwickelte Methode plädiert dafür, den Zustand der Verunsicherung auszuhalten und für die Erkenntnisgewinnung zu nutzen .

Dr. Ilsemargret Luttmann ist promovierte Historikerin (Universität Ham­burg) und freischaffende Künstlerin (Malerei). Ende der 80er Jahre hielt sie sich zu einem mehrjährigen Forschungs- und Arbeitsaufenthalt in Kamerun auf und arbeitete später als Fachkraft der Entwicklungszusam­ menarbeit in Mali. Seit 2005 ist sie als Lehrbeauftragte schwerpunktmä­ßig an der Leuphana Universität Lüneburg tätig und bietet Seminare im Bereich transkultureller Studien an, wobei der regionale Schwerpunkt auf Afrika liegt. Kleidungskulturen, Film, Tourismus und Urbane Kultu­ren in Afrika sind ihre Forschungsinteressen.

 

Die Angst vor den Fremden – Gefahren für den gesellschaftlichen Frieden

Vorurteile sind im privaten Alltag wie im öffentlichen Leben Katalysatoren für individuelle und kollektive Ängste. Objekte sind die Angehörigen von Minderheiten. Die Ethnisierung sozialer Probleme durch die Mehrheit hat eine lange Tradition: Vorurteile verdichten sich zu Feindbildern und politischen Ideologien. Das negative Bild der „Anderen“ steht am Beginn der Ausgrenzung, die zugleich Selbstbestätigung der Mehrheit ist, aber den gesellschaftlichen Frieden bedroht. Die „Pegida-Bewegung“ ist dafür ein aktuelles Indiz.

Prof. Dr. Wolfgang Benz, Historiker, bis März 2011 Professor und Leiter des Zen­trums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, Gastprofessuren u.a. in Australien, Bolivien, Nordirland, Österreich und Mexiko, zahlreiche Publikationen zur deutschen Geschichte im 20. Jahr­hundert, zu Nationalsozialismus, Antisemitismus und Problemen von Minderheiten, zuletzt: Die Feinde aus dem Morgenland. Wie die Angst vor den Muslimen unsere Demokratie gefährdet (München 2012), ‚The­resienstadt. Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung (Mün­chen 2013), Sinti und Roma: Die unerwünschte Minderheit. Über das Vorurteil Antiziganismus (Berlin 2014); Der Widerstand gegen Hitler (München 2014), Herausgeber mehrerer Buchreihen, Mitglied im P.E.N.

 

Ethik des Anderen -Weg für eine dialogische Beziehung zum Fremden?

Das Zeitalter der Globalisierung ist gekennzeichnet durch entgegengesetzte Prozesse: Während sich Nationalstaaten zu supra­nationalen Einheiten zusammenschließen, verschärfen sich in pluralistischen Gesellschaften multikulturelle Gegensätze. Die Folge ist vielfach die Konstruktion des Anderen als Fremde und dessen Ausschluss aus der moralischen Gemeinschaft. Für eine gleichberechtigte Koexistenz verschiedener Subkulturen und Lebensformen sind ein funktionierender Rechtsstaat und eine Politik der Anerkennung notwendig, jedoch nicht hinreichend. Vonnöten ist auch eine Ethik des Anderen, die Fremdheitskon­struktionen entgegenwirkt und den Weg zu einer dialogischen Beziehung zum Fremden ebnet. Emmanuel Levinas Ethik des Anderen bietet sich als ein Korrektiv gegenüber ausgrenzenden und instrumentellen Einstellungen zum Anderen und Fremden an. Dies soll in diesem Vortrag vorgestellt und kritisch diskutiert werden.

Dr. Yaşar Aydın, Politikwissenschaftler, studierte Soziologie und Volkswirtschaftslehre in Hamburg (Dipl.) und Lancaster (M.A.). Nach der Promotion arbeite­te er im Hamburger Institut für Sozialforschung, im Hamburgischen WeltWirtschaftslnstitut und am Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit (SWP). Heute lehrt er an der HafenCity Uni­versität Hamburg und Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie in Hamburg . Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Türkei- (Außen- und Innenpolitik) und Migrationsforschung, Zuwanderungspolitik, Exklusionsproblematik und Nationalismusfor­schung. Yaşar Aydın ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Beiträge und Kommentare in diversen Zeitungen. Zuletzt erschien sein Buch
»Transnational statt nicht integriert« .