Tagung 2014: Willkommenskultur

,,Identität, Kulturangst und Willkommenskultur“

In der kritischen Bestandsaufnahme des Berliner Migrationsforschers, Publizisten und Politikberaters Prof. Dr. Klaus J. Bade geht es um Identitätsfragen und Kulturängste, die als gesellschaftspolitische Herausforderung unbeantwortet geblieben sind:
 
Integration in der Einwanderungsgesellschaft ist keine fröhliche Rutschbahn in ein buntes Paradies. Es wächst nicht nur die Akzeptanz der kulturellen Vielfalt, sondern auch die Angst davor. Was die einen als kulturelle Bereicherung verstehen, erleben andere als kulturellen Niedergang. Zwischen den Fronten tummeln sich die großen Vereinfacher mit populistischen Parolen.
 
Integrationspolitik hat sich zu lange auf „Migranten“ konzentriert und dabei Mehrheitsbevölkerung vergessen. Dort fühlen sich heute nicht wenige als „Fremde im eigenen Land“. Nötig. ist eine integrative Gesellschaftspolitik, die nach Teilhabechancen für Alle strebt und den Zusammenhalt in der Einwanderungsgesellschaft stärkt.
 
Und es geht um die sogenannte Willkommenskultur: Sie ist zwar für Neuzuwanderer wichtig, läuft aber an der schon drei Generationen umschließenden Einwandererbevölkerung ebenso vorbei wie an der Mehrheitsbevölkerung ohne Migrationshintergrund. Eine Willkommenskultur, die nur Willcommenstechnik bietet, taugt eher als aktueller Beitrag zum alten Märchen von des Kaisers neuen Kleidern.
Prof. Dr. Klaus J. Bade, geb. 1944, ist Migrationsforscher, Publizist und Politikberater. Er lehrte bis 2007 Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und lebt seither in Berlin. Er war u.a. Begründer des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), des bundesweiten Rates für Migration (RfM) und bis 2012 Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in Berlin. Bade war Fellow an den Universitäten Harvard und Oxford, an der Niederländischen Akademie der Wissenschaften sowie am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Er hat zu Migration und Integration in Geschichte und Gegenwart viele Forschungsprojekte geleitet, einige dutzend Bücher veröffentlicht und für sein Engagement in Forschung und kritischer Politikbegleitung diverse Auszeichnungen erhalten, u.a. das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (www.kjbade.de). Aktuell ist sein neues Buch „Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, Islamkritik‘ und Terror in der Einwandemngsgesellschaft“; Wochenschau Verlag, Schwalbach i. T. 2013, 400 S. – gerade vor dem Hintergrund des Ende Februar 2014 erscheinenden neuen Buches von Thilo Sarrazin (,Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland‘).
 

„Herausforderung Inklusion. Partizipation mehrfach diskriminierter Menschen am Arbeitsmarkt am Beispiel einer Pilotstudie in Hamburg“

 

Frauen mit einem sogenannten Migrationshintergrund, die als „behindert“ oder „chronisch krank“ eingestuft werden, sind von Diskriminierungen am Arbeitsmarkt besonders stark betroffen. Auf der Basis von Ergebnissen einer vom Europäischen Sozialfonds geförderten Pilotstudie in Hamburg zur Mehrfachdiskriminierung wird im Rahmen des Vortrags erörtert, welchen zentralen Barrieren sich die betroffenen Personen am Arbeitsmarkt gegenübersehen. Dabei soll verdeutlicht werden, dass diese Fragestellung nicht nur eine Minderheit in dieser Gesellschaft betrifft. Es handelt sich vielmehr um ein zentrales gesellschaftliches Problemfeld, in dem sich Formen der Diskriminierung auf Grund von Rassismus, Sexismus und Ableism (Norm optimaler körperlicher und intellektueller Leistungsfähigkeit) überlagern. Obwohl wir mit dem Grundgesetz, dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz und der UN-Behindertenrechtskonvention über gute rechtliche Instrumente verfügen, um Diskiminierung abzuwehren, bleibt die Frage der Inklusion nach wie vor eine eminent wichtige Herausforderung, der sich diese Gesellschaft stellen muss. Hier gilt es, wirksame Schritte und Strategien zu entwickeln, die Partizipationsmöglichkeiten und eine respektvolle „Kultur des Zusammenlebens“ ermöglichen.
 
Prof. Dr. Marianne Pieper, Lehrstuhl für Kulturen, Geschlechter, Differenzen am Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Gender und Queer Studies, Postkolonialer Kritik, Kritischer Rassismusforschung, Kritischer Ableism-Forschung und Migrationsforschung. Sie ist Leiterin der deutschen Sektion des internationalen EU-Projekts MIG@NET: Migration, Gender and Digital Networks, in dem illegalisierte transnationale Migration, ,,bordercrossings“ und die Bedeutung digitaler Medien an den europäischen Außengrenzen untersucht wird. Zudem führt sie in Kooperation mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Hans-Böclder-Stiftung eine Pilotstudie zu Netzwerken illegalisierter MigrantInnen in Hamburg durch. Außerdem leitet sie das von Europäischen Sozialfonds geförderte Projekt: ,,Netzwerk Partizipationschancen mehrfach diskriminierter Menschen“ · (http://www.wiso.uni-hamburg.de/projelcte/netzwerk-partizipation-mehrfach-diskiminierter-menschen). In dessen Rahmen wird eine Pilotstudie in Hamburg zur Arbeitsmarktsituation von Menschen mit einem sogenanntem „Migrationshintergrund“, die als „behindert“ bzw. ,,chronisch krank“ eingestuft werden, durchgeführt.
 

„Frau und Migration im Wandel der Zeit – Rollenbilder und Lebenswirklichkeit von Frauen mit Migrationshintergrund“

 

1. Bei keinem Thema weichen die öffentlich verbreiteten Bilder und die Lebenswirklichkeit der Betroffenen so weit voneinander ab wie bei der Diskussion um die Lebensbedingungen der Frauen mit Migrationshintergrund. In der Öffentlichkeit wird der Fokus – stets mit einem besonderen Blick auf die Musliminnen – auf das Kopftuch, eingeordnet als Zeichen für die Unterdrückung der Frau, die traditionellen Geschlechterrollen und auf die sexuellen Normen gelegt. Gleichzeitig wird die Migrantin als rückständig und im familiären Kontext untergeordnet dargestellt.
2. Allerdings waren schon die Mütter der jungen Frauen von heute nicht so, wie sie wahrgenommen wurden und werden. Es stimmt nicht, dass sich die Arbeitskräfteanwerbung ausschließlich an Männer richtete. Sie war von Beginn an zu einem beträchtlichen Teil auch weiblich: 1972 waren 29% der ausländischen Arbeitskräfte Frauen. Davon waren zwei Drittel verheiratet. Frauen waren demnach nicht nur als Familienangehörige direkt von den Folgen der Migration betroffen. Sie haben sich auch selbstständig zur Wanderung entschlossen. Diese Frauen und viele der anderen, die im Rahmen der Familienzusammenführung, als Flüchtlinge oder Aussiedlerinnen einreisten, haben bis heute die Vorstellung aufrechterhalten, dass es ihre Kinder besser haben sollten als sie selbst es im Herkunftsland hatten. Sie sollten Aufstieg über Bildung und Beruf erreichen – nicht nur die Söhne, sondern auch die Töchter.
3. Es ist nicht immer einfach, gegen die hartnäckigen Meinungen anzugehen, Migrationsfamilien hätten kein Interesse an der Bildung und Ausbildung ihrer Kinder und besonders wenig an der ihrer Töchter. Aber alle Untersuchungen belegen seit Jahrzehnten die hohen Bildungsvorstellungen und beruflichen Erwartungen sowohl der Eltern als auch der Kinder und Jugendlichen selbst. In Untersuchungen wurde und wird festgestellt, dass Eltern mit Migrationshintergrund hohe Bildungsansprüche gegenüber ihren Kindern formulieren. Kennzeichnend für den am weitesten verbreiteten Erziehungsstil in türkischen Familien ist z. B. die enge emotionale Bindung zwischen den Generationen verbunden mit hohen Leistungserwartungen an die Kinder Diese richten sich insbesondere auf den Schulerfolg. Dabei wird nicht zwischen Jungen und Mädchen unterschieden. Im Gegensatz zu diesen Bildungsansprüchen steht allerdings die fehlende konkrete Unterstützung durch die Familie in der Schule und beim Übergang in den Beruf. Erst in neuester Zeit versuchen Eltern – vor allem diejenigen, die selbst das deutsche Schulsystem durchlaufen haben – ihre Töchter und Söhne mittels bezahlter Nachhilfe oder Hausaufgabehilfe in Migrantenorganisationen auch praktisch zu helfen.
4. Junge Frauen mit Migrationshintergrund sind schulisch erfolgreicher als junge Männer mit demselben nationalen Hintergrund. Ihre Wünsche sind auf die Aufnahme eines qualifizierten Berufes ausgerichtet und diese Vorstellungen werden in vielen Fällen vom Elternhaus
unterstützt. Dennoch münden sie seltener als einheimische deutsche junge Frauen und als junge Männer mit Migrationshintergrund in eine betriebliche Ausbildung ein. Als ein wichtiger Grund fehlender Bereitschaft zur Einstellung dieser Gruppe kann in den Bildern ausgemacht werden, die in der deutschen Gesellschaft und auch bei Ausbildern und Ausbilderinnen weit verbreitet sind. Den jungen Frauen mit Migrationshintergrund und hier insbesondere denen aus türkischen Migrationsfamilien werden Einstellungen und Verhaltensweisen zugeschrieben und als Besonderheiten herausgestellt, die eine Ausbildung beeinträchtigen (könnten): Ein besonderer Grad an psychischer Belastung, Generations – und Familienkonflikte, die Abhängigkeit von patriarchalischen Familienstrukturen sowie eine Erziehung, die nicht auf die Übernahme eines Berufes ausgerichtet ist.
5. Diese Bilder sind jedoch bei Einbeziehung von Befragungen nicht haltbar. Viele junge Frauen mit Migrationshintergnmd haben eine „moderne“ Auffassung von einer geschlechtsspezifischen Rollenverteilung hinsichtlich der außerhäuslichen Berufstätigkeit und der Kinderbetreuung. Ein erheblicher Teil der jungen Frauen entspricht dem Bild der Frau, die einen Beruf und eine Familie verbinden möchte. Es wird die Vorstellung vertreten, selbst Geld verdienen zu wollen. Dieses gilt – vielfach geprüft und bestätigt – bereits für die Generation der Mütter und noch mehr für die der Töchter. Dieses gilt auch für Frauen, die ein Kopftuch tragen und religiös gebunden sind.
6. Untersuchungen zeigen außerdem, dass sich ein erheblicher Teil der jungen Frauen als psychisch stabil erweist. Falls aus Pubertät und Migrationssituation spezifische Stressfaktoren erwachsen, verstehen sie damit umzugehen und ein positives Selbstbild aufzubauen. Sie erarbeiten sich Gestaltungsspielräume.
7. Die Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund werden die Mütter von Kindern sein, die in Zukunft eine deutsche Schule besuchen und einen erheblichen Teil der deutschen Kinder und Jugendlichen ausmachen. Sie sind (noch) überwiegend auf eine Zukunft in Deutschland ausgerichtet. Sie wünschen sich eine zwei- oder mehrsprachige Erziehung und eine hohe Bildung für ihre Kinder und insbesondere für ihre Töchter. Dieses Ziel wird von jungen Frauen genannt, die selbstständig und individualistisch, aber auch von denen, die traditionell eingestellt sind. In dieser Einstellung liegen Optionen, die eine Politik in einer und für eine Einwanderungsgesellschaft aufgreifen sollte.
 
Ursula Boos-Nünning, Dr. Professorin em. für Migrationspädagogik an der Universität Duisburg/Essen (1981-2009). Studium der Soziologie in Köln und Linz/Österreich. Promotion 1971, (Linz), Habilitation 1980 (Düsseldorf). Seit 1971 Durchführung von interdisziplinären Forschungsprojekten im Bereich Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und ihrer Familien. Beratung zahlreicher politischer und gesellschaftlicher Gruppierungen. Mitglied des Bundesjugendkuratoriums (1999 – 2007) und des Zukunftsrates NRW (2001 – 2004). Von 1998 bis 2002 Prorektorin und danach Rektorin der Universität Essen.
Neuere Forschungsbereiche: die Bildungsarbeit sowie die Kinder und Jugendarbeit von Migrantenorganisationen, Bildungsarbeit mit und in Migrationsfamilien, Religiösität in der Einwanderungsgesellschaft.